Wut nach einem verlorenen Spiel, Traurigkeit, wenn ein Freund nicht mitspielen möchte, Angst vor der Dunkelheit: Dein Kind erlebt solche Momente intensiv, kann aber nicht immer erzählen, was in ihm vorgeht. Gemeinsames Lesen ist eine schöne Möglichkeit, deinem Kind beim Verstehen und Benennen von Gefühlen zu helfen. Dafür reichen eine interessante Geschichte, deine Aufmerksamkeit und ein Moment ohne Eile.

1. Mitgefühl: Die Welt mit anderen Augen sehen

Wenn der Bär sein Lieblingsspielzeug verliert, kannst du fragen: „Wie fühlt er sich wohl? Was könnte ihm helfen?“ Bei solchen Gesprächen übt dein Kind, die Gefühle und Bedürfnisse anderer wahrzunehmen. Das gehört zum Mitgefühl und hilft beim Spielen, in Freundschaften und im Familienalltag. Eine Geschichte bietet euch Gelegenheit, gemeinsam zu überlegen, wie man jemanden trösten oder unterstützen kann.1

2. Gefühle benennen und verstehen

„Der kleine Hase war enttäuscht, weil der Regen seine Pläne durchkreuzt hatte.“ Dieser Satz verbindet ein Gefühl mit einer konkreten Situation. Geschichten liefern Wörter, mit denen Kinder von ihren eigenen Erlebnissen erzählen können. Du kannst fragen: „Weißt du noch, als wir nicht auf den Spielplatz gehen konnten? Wie hast du dich da gefühlt?“ Lass Raum für die eigene Antwort deines Kindes.

In Studien schnitten Kindergartenkinder, die nach dem Zuhören über Gefühle gesprochen hatten, bei Aufgaben zum Emotionsverständnis besser ab als Kinder, die dieselben Geschichten ohne solche Gespräche gehört hatten.2, 3 Es lohnt sich also, den Fragen und Beobachtungen deines Kindes Platz zu geben.

3. Sich sicher und angenommen fühlen

Eine Geschichte über eine Figur, die sich im Dunkeln fürchtet oder auf ihre Geschwister eifersüchtig ist, kann deinem Kind zeigen: Damit bin ich nicht allein. Das ist ein guter Moment für einen einfachen Satz: „Du kannst mir auch erzählen, was dir schwerfällt.“ Unterscheide dabei zwischen Gefühlen und Verhalten: Wütend sein ist erlaubt, schlagen nicht. Gefühle anzunehmen bedeutet nicht, verletzendes Verhalten zuzulassen.

4. Konkrete Ideen für schwierige Momente

Die Hauptfigur bittet um Hilfe, kuschelt mit einem Teddy oder atmet ein paarmal ruhig durch. Solche Ideen könnt ihr gemeinsam ausprobieren. Übt in einem entspannten Moment und schaut, was deinem Kind gefällt. So kann die Geschichte ein Ausgangspunkt sein, um den Umgang mit Gefühlen zu lernen. Bei heftiger Wut stehen allerdings zunächst Sicherheit und deine ruhige Begleitung im Vordergrund. Reden könnt ihr später.4

Wie bleibt Vorlesen eine schöne Zeit statt einer Unterrichtsstunde?

  • Wähle eine passende Geschichte. Mit einem jüngeren Kind kannst du die Gesichtsausdrücke auf den Bildern betrachten. Mit einem älteren könnt ihr darüber sprechen, warum sich eine Figur so fühlt.
  • Frag nicht ab. Eine Frage und aufmerksames Zuhören können genügen. Wenn dein Kind einfach nur die Geschichte hören möchte, ist das genauso in Ordnung.
  • Achte auf seine Reaktion. Ihr könnt Lieblingsstellen wiederholen. Wird etwas unheimlich, macht eine Pause oder wählt eine andere Geschichte.

Gemeinsames Lesen ist auch Zeit für Nähe. Eine Umarmung, gemeinsames Lachen und dein aufmerksames Zuhören zeigen deinem Kind, dass seine Erlebnisse wichtig sind. Selbst wenn keine einzige Frage gestellt wird, ist dieser Moment miteinander wertvoll.

Suchst du eine Geschichte zum gemeinsamen Lesen? Stöbert in den Geschichten von Super Stories und sucht euch etwas aus.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. ZERO TO THREE, How to Help Your Child Develop Empathy (Tipps für Eltern). ↩

  2. Grazzani und Ornaghi (2011), Emotional state talk and emotion understanding: a training study with preschool children, „Journal of Child Language“. ↩

  3. Grazzani und Valle (2025), Training preschoolers with language games: enhancing theory of mind, emotion understanding, prosocial orientation, and language ability, „European Journal of Developmental Psychology“. ↩

  4. Child Mind Institute, How to Help Children Calm Down (Tipps für Eltern). ↩